Hurra, es gibt wieder Tote!

 

Zahlreiche Boulevard-Medien dürften sich dieser Tage freudestrahlend in den Armen liegen – natürlich nicht vergessend, Anteilnahme und Mitleid zur Schau zu stellen.

Endlich wurde das journalistische Sommerloch gestopft, und das sogar mit einem der beliebtesten Themen.

Die diesjährige Loveparade wurde von einem Schrecken überschattet, eine Massenpanik brach aus, bei der mehrere Menschen verstarben und viele weitere schwer verletzt wurden.

Natürlich liess es sich keine Institution der deutschen Medienlandschaft nehmen, ausfühlich darüber zu berichten.

Das ist ja auch vertretbar und verständlich.

Es war ein schreckliches Ereignis und die Leute dürsten nach Informationen.

Das Erschreckende dabei ist nur wieder einmal, auf welche Weise das passiert.

Bilder von Toten, Verletzten, weinenden Angehörigen springen einem auf den Titelseiten entgegen.

Wie so oft wird eine Tragödie von den Medien ausgenutzt, die Leserschaft zu Emotionen zu zwingen und gefügig zu machen, ohne Rücksicht auf etwaige Verluste zu nehmen.

Opfer und Angehörige werden öffentlich verhöhnt, indem sie ungeschminkt mit der Situation konfrontiert werden.

Natürlich, man könnte sagen, dass man nichts schönen sollte und es einfach zu den Informationen gehört, aber muss man deswegen Fotos oder Videos zur Schau stellen, auf denen Menschen zerquetscht werden oder in Panik versuchen aus der Menge wieder herauszukommen?

Das alles natürlich nur recht dürftig unkenntlich gemacht – wenn überhaupt.

Welchen Teil tragen diese Aufnahmen zur Informationsflut bei, ausser, den eigenen voyeristischen Trieb zu stillen?

Die Medien versuchen dadurch nur ein paar weitere Exemplare über die Ladentheke wandern zu lassen, oder ein paar mehr Klicks zu erreichen.

Das Onlineportal einer deutschen, vierbuchstabigen Zeitung wirbt mit dem Zusatz:

 

Das Loveparade-Drama

++Alle Infos++Alle Bilder++Alle Videos++

 

Natürlich ist das alles legitim und marktwirtschaftlich, dennoch sollte man sich fragen, wo denn dort das Verständnis für dieses Unglück und der Respekt vor den Hinterbliebenen bleibt.

Solche Dinge haben meiner Meinung nach nichts in einer Berichterstattung verloren.

Informativ soll es sein.

Wie viele Opfer gibt es? Was war der Grund? Was soll jetzt im nachhinein passieren?

Stattdessen gibt es Interviews mit verstörten Angehörigen oder Augenzeugen, denen eine möglichst spektakuläre und verwertbare Aussage aus dem Mund gezogen wird.

Bilder von Toten, die halb von einer Plane und umgeben von Müll herumliegen.

Man hört immer wieder den Marketingslogan "Sex sells".

Das stimmt zwar weitestgehend, doch besser sollte er noch lauten "Death sells"

Wenn es etwas gibt, auf das die Leute noch mehr abfahren, als auf Sex, dann ist es Leid und der Tod.

Das eine spendet das Leben und das andere nimmt es wieder.

Ein Wunder, dass der Markt für Zombiepornos doch so klein ist.

Und das wissen auch die Medien.

Auf der grossen, deutschen Tageszeitung prangen Fotos von Opfern, jedes mit einer rührenden Story hinterlegt – wie diese Zeitung überhaupt an die Fotos und Informationen gelangt ist, darüber möchte ich mir dieses Mal keine Gedanken machen, auch, wenn ich wahrscheinlich zu Recht das schlimmste annehmen darf.

Alles nur um bei den Lesern Emotionen zu wecken, um Anteilnahme zu erreichen.

Ich finde es schrecklich, was passiert ist, aber es berührt mich nicht.

Ich kenne keines der Opfer oder der Angehörigen und ich habe nicht vor, so zu tun, als hätte ich gerade einen schrecklichen Verlust hingenommen.

Denn das würde, meiner Meinung nach, die Angehörigen auf eine widerliche Art verhöhnen.

Ich weiss nicht, wie sie sich fühlen, ich möchte es auch gar nicht wissen, und aus diesem Grund kann ich auch nicht sagen, dass es mich berührt.

Doch wenn diese Heuchelei von den Medien gefordert wird, dann habe ich doch einen anderen Anspruch.