Fr

11

Jun

2010

Am Tag danach

Da der altgediente Status "Sex sells" mittlerweile gegen das etwas modernere "Kotze sells" ausgetauscht wurde, konnte ich natürlich nicht widerstehen und musste auf den Zug des Bäh-Bäh-Schreibens aufspringen.

Folgend eine Kurzgeschichte, die garantiert nicht von Helene Hegemann abgeschrieben wurde.

 

 

Das grelle Licht der nachmittaglichen Morgensonne brannte durch die Jalousie und direkt auf meinen Schädel. Die Decke über den Kopf zu ziehen erschien mir sinnlos, die Strahlen schienen hindurchzugleiten, wie ein heisses Messer durch einen treibenden Bach – oder so ähnlich.

Mein Kopf füllte sich rasch mit dem Getöse eines Fernsehers.

"Man, Hans, der scheiß Fernseher!"

"Sorry."

Von einer Sekunde auf die andere wandelte sich das Pochen in eine riesige Marschkapelle.

"Leiser sollst du den Scheiß machen, nicht lauter!"

Aber es war sinnlos.

Ich trottete ins Badezimmer, um den Geschmack von abgestandenem Bier mit dem frischer Kotze zu überdecken.

Während ich meinen Alkoholkonsum noch einmal Revue passieren ließ, fiel mir auf, dass die Kloschüssel in Form eines riesigen Hinterns doch nicht mehr so lustig erschien, wie damals, als sie im Vollsuff angeschafft wurde – es fühlte sich einfach falsch an.

Während ich so vor dem Porzellan in Stellung verharrte, fiel mir auf, dass ich in einer gelben Flüssigkeit kniete, die verdächtig nach etwas roch, was im Volksmund gemeinhin als Urin bekannt war.

"Hans, was ist denn hier passiert?"

"Wieso? Kniest'e schon wieder in deiner Pisse?"

Uff, wie ich das hasse.

Schon wieder.

Hast Du etwa schon wieder Dein Geld verloren?

Wo hast Du denn jetzt schon wieder das blaue Auge her?

Warum riecht Deine Hose schon wieder nach Scheiße?

Bis heute bin ich mir nicht einmal sicher, ob es wirklich meine Exkremente waren.

"Ach, halt die Klappe!"

Ich hatte nun schon oftmals den "Morgen danach" durchlebt, mal nackt im Treppenhaus eines Mehrfamilienwohnheimes, mal auf der Bank im Park, oft in der Ausnüchterungszelle der nächsten Polizeistation.

Doch irgendwas war diesmal anders.

Dicker Schädel – Check!

Verlust der Erinnerung der letzten Tage – Check!

Kontakt mit den eigenen Körperflüssigkeiten – Check!

Kontakt mit fremden Körperflüssigkeiten – nun, wenn ich mir die verschiedenfarbigen Kotzflecken auf meinem Shirt anschaue, sehr wahrscheinlich - Check!

Scheint immerhin ein gelungener Abend gewesen zu sein.

Ich kratzte den Rest meines Selbst vom gekachelten Boden auf und schleppte mich zurück ins Nebenzimmer.

Hans schien schon länger munter zu sein, normalerweise war er noch nicht an dieser Stelle seines Lieblingspornos angekommen.

Während mein Mitbewohner nun also vor sich hin wichste, versuchte ich die Reste meiner Erinnerung zusammenzukramen, um zumindest im Ansatz nachvollziehen zu können, was gestern Abend alles ablief.

Ich wühlte in meinem Portemonnaie um nach Indizien zu suchen.

Kein Geld, kein Perso und die Nummer der Transe, die mir gestern die Eier gekrault hat.

Im Zuge meiner Heterosexualität entschied ich mich aber, den Zettel, der verdächtig nach einer Mischung aus Sperma und Alkohol roch, lieber schnell verschwinden zu lassen.

"Sag mal, Hans, was ist gestern eigentlich passiert?"

"Meinst Du bevor, oder nachdem Dich die Pimmelfrau hier abgeliefert hat?"

"Ich weiß zwar nicht, ob ich das wissen möchte, aber was ist vorher passiert?"

"Nun, ich weiß nur, dass Du zur Party von Tim gegangen bist."

Oh, Tims Partys.

Ein geselliger Treff von Menschen, welcher meist im kollektiven ankotzen und dem Austausch der exotischsten Geschlechtskrankheiten führte – ich hoffe, ich habe vorher meine Vitamin-C-Tabletten genommen!

Während ich mir mein Frühstücksbier aufmachte, spritze mein Mitbewohner Hans gerade seine Ladung auf den Fernsehbildschirm.

Vielleicht sollte ich langsam meinen Lebensstil ändern.

Vielleicht ist dieser ewige Cocktail aus Alkohol, Sex und Drogen nicht der richtige Drink, der meine Kehle hinunterfließen sollte.

Vielleicht sollte ich langsam Verantwortung übernehmen.

Hans Stimme holte mich rasch auf den Boden der Tatsachen zurück.
"Zieh deine scheiß Jacke an, das Bier ist alle!"

 

Bis zum nächsten Mal...

Euer Ruhm erwartende ViniCent

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